Feministisches Bündnis Heidelberg

Invisible Woman – die unsichtbare Frau.

Eine Aktivistin vom Feministischen Bündnis Heidelberg hält ihre Rede in der Abenddämmerung an der Neckarwiese. Im Hintergrund sieht man die Konturen der beleuchteten Häuser auf der anderen Seite des Ufers.
Eine Aktivistin vom Feministischen Bündnis Heidelberg hält ihre Rede in der Abenddämmerung.

Ich bin Jadga vom Feministischen Bündnis und möchte mit euch heute mit euch darüber sprechen, dass ich in unserem lokalen Supermarkt Leute um Hilfe bitten muss, damit sie mir die veganen Fischstäbchen aus dem Eisfach zu holen, weil ich nicht hinkomme. Dass mir beim Weihnachtsplätzchen backen fast die Arme abfallen, weil die Küchenplatte zu hoch und der Winkel beim Kneten extrem schlecht ist und ich die Hälfte unserer Hängeschränke nicht erreichen kann.

Jetzt denkt ihr vielleicht „Hä, was redet sie“, aber worauf ich hinaus möchte ist natürlich nicht meine persönliche Unfähigkeit beim Einkaufen und Backen, sondern dass wir alle in einer Welt leben, die von Männern für Männer designt wird. Dass es irgendwie kaum Thema ist, dass große Teile der Durchschnittsbevölkerung, die einen überproportionalen Anteil von Lebensmitteleinkäufen erledigen, viele Produkte im Supermarkt nicht erreichen können. Dass selbst der Raum, in den sich viele Konservative die Frauen zurückwünschen, besser für Männer geeignet ist. Grund dafür ist etwas, das Forscher*innen die „Gender Data Gap“, also die Geschlechts-Daten-Lücke nennen. In vielen Bereichen des Lebens wird der durchschnittliche Mann als Norm und Designgrundlage genommen, die Frau wird einfach als kleine Version eines Mannes mit enormen hormonellen Schwankungen wahrgenommen. Und manchmal nicht einmal das.

In der eben erwähnten Supermarktsituation oder beim Interior Design einer Küche nervt das, aber es gibt Schlimmeres. Problematisch wird es, wenn sich diese Data Gap auf unsere Gesundheit oder gar das Überleben von uns Frauen auswirkt. Und das ist der Fall. Sehr häufig sogar.

Nehmen wir beispielsweise die Automobilindustrie – beliebtes Thema in Deutschland, habe ich gehört – wusstet ihr, dass Frauen ein fast 50% höheres Risiko haben, sich bei Autounfällen ernsthaft zu verletzen? Dass Autounfälle häufig dazu führen, dass Schwangere eine Fehlgeburt erleiden? Das liegt daran, dass Gurte so gestaltet werden, dass sie einen Crashtest-Dummy, der dem Median des Körpers eines Mannes entspricht, besonders gut schützen, den Durchschnittskörper einer Frau aber dafür viel weniger. Seit ein paar Jahren gibt es Bestrebungen, zumindest kleinere Crashtest-Dummies zu verwenden, aber wie erwähnt, gibt’s da eben noch andere Dinge zu berücksichtigen als die Körpergröße.

Auch im medizinischen Bereich hat diese Gender Data Gap schwere Folgen. So wird beispielsweise ein großer Teil an Herzinfarkten bei Frauen nicht erkannt. Das, was man unter „typischen“ Symptomen kennt, meint nämlich – Überraschung – typisch für Männer. Frauen leiden deutlich häufiger unter unspezifischen Symptomen wie Übelkeit oder Nackenschmerzen. Auch hier führt die fehlende Datenlage und die mangelnde Aufklärung von Ärzt*innen zu Fehldiagnosen mit gravierenden Folgen für die Patientinnen.

In Zulassungsverfahren für Medikamente wird die Gender Data Gap häufig sogar absichtlich herbeigeführt. Als ich gestern anfing, diese Rede zu schreiben, habe ich auf einer Website, bei der man sich als Proband*in für Medikamentenstudien registrieren kann, mal nachgeschaut, wer da so mitmachen kann. Von den 10 angebotenen Studien suchten nur 5 männliche UND weibliche Proband*innen. 2 dieser Studien akzeptieren aber nur Frauen, die nicht mehr im gebärfähigen Alter sind. Bei keinem der Medikamente handelte es sich um eines, das nur für den Gebrauch bei Männern empfohlen werden sollte. Es ist daher nicht verwunderlich, dass bei einem großen Teil der Medikamente, die wieder vom Markt genommen werden müssen, starke Nebenwirkungen bei Frauen die Ursache sind. Wegen unserer „schwierigen Hormone“ sollen wir also nachträglich als Versuchskaninchen herhalten, WTF.

Und weil ich mich hier gerade warmgeredet habe, noch ein letztes Beispiel: 7-15 % aller Frauen im gebärfähigen Alter, ihr erinnert euch – die, die wegen der Hormone nicht an Medikamentenstudien teilnehmen dürfen – leiden unter Endometriose. Warum sie entsteht – unklar. Forschungsgelder sind rar, der Bekanntheitsgrad gering. Deshalb wird eine der häufigsten gynäkologischen Erkrankungen bei Frauen oft gar nicht oder erst nach langer Zeit erkannt. Ehrlich gesagt ist es nicht sooo lange her, dass ich selbst zum ersten Mal von Endometriose gehört habe, an der in Deutschland wohl über 2 Mio. Frauen erkrankt sind. Genaue Zahlen gibt es natürlich nicht. Das Leid der Betroffenen bleibt unsichtbar.

Und als ob das so nicht schon schlimm genug wäre, möchte ich zum Schluss noch eine wichtige Sache erwähnen. Ich bin selbst nicht technologiefeindlich eingestellt, und mir ist klar, dass der Einsatz von künstlichen Intelligenzen in vielen Bereichen Vorteile bringen kann. Aber es gibt in der Informatik und Datenwissenschaft die Redewendung „Garbage In, Garbage Out“, also „Müll rein, Müll raus“. Wir müssen deshalb verhindern, dass die Daten, die große Teile der Bevölkerung nicht berücksichtigen, die Daten, die von Vorurteilen und Fehlern behaftet sind, die Entscheidungsgrundlage für die Vergabe von Krediten oder die Diagnose von Krankheitsbildern sind. Das gilt im Übrigen nicht nur für die Gender Data Gap, es gibt auch eine rassistische und ableistische Verzerrung von Daten. And guess what… was sich daraus ergibt, sind neue Daten, die wir dann in der Zukunft wieder als Eingabe für diese Programme verwenden können. Wir sind also gerade dabei, uns ein Perpetuum Mobile für Schrottdaten zu erschaffen.

Deshalb fordern wir, diese Datenlücken aktiv zu beheben. Wir fordern eine bessere Förderung für geschlechtergerechte, intersektionale Forschung. Wir fordern bessere Repräsentation für marginalisierte Gruppen in Entscheidungs- und Forschungsgremien.

Lasst uns gemeinsam dazu beitragen, eine Welt zu designen, die für alle geeignet ist, die auf ihr leben.

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