Netzwerk Care Revolution Rhein-Neckar

Heidi Flassak

Niemand kommt ohne Sorge und Versorgung von anderen oder für andere aus. Kindererziehung, emotionale Fürsorge von Freund*innen, Nachbar*innen und Familie, Hausarbeit oder die Unterstützung und Pflege von Angehörigen: Sorgearbeit ist überall.

Diese Sorgearbeit im Privaten wird vor allem von Frauen übernommen: Frauen leisten 52% mehr unbezahlte Care-Arbeit als Männer, mit der Folge: Einkommenseinbußen, Rentenlücken, Altersarmut.

Auch bezahlte Care-Arbeit wird hauptsächlich von Frauen ausgeführt. Bei einem Arbeitsmarktanteil von etwa 18% der Care-Berufe (Soziale Arbeit, Haushaltsnahe Dienste und Hauswirtschaft, Gesundheit, Pflege und Erziehung- abgekürzt SAHGE) sind 80% der Beschäftigten weiblich.

Doch die gesellschaftliche Anerkennung der Care-Berufe, der Sorge-Tätigkeiten ist gering.

Dies spiegelt sich in der niedrigen Entlohnung, in prekären Beschäftigungsverhältnissen und ungewollter Teilzeitarbeit wieder. Sie gehen oft einher mit starken gesundheitlichen Belastungen und fehlenden Um- und Aufstiegsmöglichkeiten.

Die Situation vor allem auch im Krankenhaus und im Pflegebereich spitzt sich seit Jahren zu. Es fehlt zunehmend an Personal, Zeit, Material und geeigneten Räumen, um sich angemessen um die Menschen zu kümmern.

Es ist schon lange klar: der Mangel ist systembedingt. So ist Krankenversorgung ein Kostenfaktor, von Care-Konzernen übernommene Pflegeheime dienen der Ausschüttung von Gewinnen.

Menschen in Sorgebeziehungen – ob privat oder als Beschäftigte – stehen enorm unter Druck: Unter den kombinierten Anforderungen von Care-Arbeit in der Familie, Lohnarbeit – auch und gerade in Care-Einrichtungen – und Selbstsorge geraten viele Frauen an ihre körperlichen und psychischen Grenzen.

Einige eher privilegierte Familien und Frauen finden einen Ausweg, indem sie Hilfskräfte in Privathaushalte holen, die aus meist osteuropäischen und mittlerweile auch vermehrt aus süd-und mittelamerikanischen sowie südostasiatischen Ländern stammen. Das Problem der entstehenden Care-Lücken wird versucht mit weniger privilegierten Migrantinnen, die dann unter noch präkereren Bedingungen arbeiten und leben müssen, zu lösen.

Die Corona-Pandemie führt uns wieder mehr als deutlich vor Augen: Sorgearbeit ist die Grundlage unseres Daseins und Zusammenlebens. Sie ermöglicht es uns, unsere Menschlichkeit zu bewahren.

Sorgearbeit ist überall – nur nicht in der Ökonomie. Jedenfalls scheint es so, als würde es eine „richtige“ Wirtschaft geben – und eben Bereiche, die ausgeklammert werden. Care Arbeit „zählt nicht“, denn sie widersetzt sich den gängigen wirtschaftlichen Prinzipien von Gewinnsteigerung, Effizienz, Nutzen und Prozessmaximierung, Produktivität.

Sich kümmern, Menschen pflegen und umsorgen braucht seine Zeit.

Es gilt sichtbar zu machen, wie divers, wie alltäglich und wie normal bezahlte und unbezahlte Care-Arbeit ist.

Die Debatte über Care findet mittlerweile in Ansätzen statt.

Im 2. Gleichstellungsbericht der Bundesregierung von 2019 wurden wichtige Forderungen aufgegriffen. Das Erwerbs-Sorge-Modell gilt als das neue Leitbild.

Es soll allen Menschen, die dies wünschen, in den verschiedenen Phasen des Lebensverlaufs möglich sein, neben der Erwerbsarbeit auch private Sorgearbeit zu leisten, ohne Überforderung und Nachteile. Die Politik ist aufgerufen, die Rahmenbedingungen entsprechend zu gestalten.

Lasst uns kämpfen

  • Für gleiche Verwirklichungschancen für Frauen und Männern, in der die Chancen und Risiken im Lebenslauf gleich verteilt werden.
·        Für Rahmenbedingungen, die es möglich machen, gleichberechtigt an der Erwerbsarbeit teilzuhaben, ohne dafür auf private Sorgearbeit verzichten zu müssen.
  • Für Selbst- und Mitbestimmungsrechte von Care-Empfänger*innen
·        Für die Aufwertung der Sozialen Berufe und ein mehr an deren gesellschaftlicher Anerkennung
  • Für deutlich verbesserte Rahmenbedingungen für Menschen mit umfangreichen Sorgeaufgaben oder mit hohem Sorgebedarf
  • Für deutlich verbesserte Rahmenbedingungen für Care-Beschäftigte wie eine angemessene Finanzierung und Entlohnung und eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen

Doch all das kann nur gelingen, mit einem Perspektivwechsel!

  • Es braucht eine Care-Ökonomie, die nicht Profitmaximierung und Kostensenkung ins Zentrum stellt, sondern menschliche Bedürfnisse, insbesondere die Sorge umeinander, sowie Rücksicht auf die Belastbarkeit der Ökosysteme.
  • Es braucht die Überwindung von Wachstum als Selbstzweck und der Erwerbszentrierung.
  • Sorgearbeiten und Care-Ressourcen dürfen nicht weiter nach geschlechtlichen, rassistischen oder klassenbezogenen Strukturierungen verteilt werden.

Vielen Dank fürs zuhören.

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